{"id":9,"date":"2016-11-06T10:50:22","date_gmt":"2016-11-06T09:50:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pixelspiele.de\/schulrhythmus\/?p=9"},"modified":"2016-11-06T16:07:12","modified_gmt":"2016-11-06T15:07:12","slug":"warum-wollen-wir-nun-daran-etwas-aendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schulrhythmus.de\/?p=9","title":{"rendered":"Warum wollen wir nun daran etwas \u00e4ndern?"},"content":{"rendered":"<p>An der Freien Waldorfschule Karlsruhe beginnt der Unterricht seit Jahren um 7.45 Uhr. Man hat sich daran gew\u00f6hnt, sich darauf eingerichtet \u2013 vielleicht auch damit abgefunden.<\/p>\n<p><strong>Wesentliche Gesichtspunkte, die uns leiten:<\/strong><\/p>\n<p>Die folgende Aufz\u00e4hlung basiert auf der Auswertung von vielen Unterlagen und Untersuchungen, die wissenschaftlich anerkannt sind. Auch \u00fcber die draus zu ziehenden Schlussfolgerungen besteht weitgehende Einigkeit unter den Wissenschaftlern.<\/p>\n<ul>\n<li>Jeder Mensch hat seinen eigenen, individuell unterschiedlichen Tagesrhythmus (Biorhythmus). Dieser Rhythmus wird von sog. inneren Uhren vorgegeben, die in unseren Zellen verankert sind. Man kann Menschen in verschiedene Chronotypen einteilen: Es gibt Fr\u00fchaufsteher (Morgentyp, Lerche), Sp\u00e4taufsteher (Abendtyp, Eule) und diejenigen, die mit ihrem inneren Rhythmus irgendwo dazwischen liegen. Diese Chronotypen sind genetisch festgelegt und lassen sich durch \u00e4u\u00dfere Faktoren nicht beeinflussen.<\/li>\n<li>Der Chronotyp eines Menschen macht im Laufe des Lebens Ver\u00e4nderungen durch. Kleine Kinder sind extreme Morgentypen. Mit Einsetzen der Pubert\u00e4t verschiebt sich der Chronotyp nach hinten in Richtung Abendtyp. Diese Verschiebung beginnt etwa im Alter von 9 Jahren und hat im Alter von ca. 20 Jahren ihren Extrempunkt erreicht. Danach verschiebt sich der Chronotyp wieder in den mittleren Bereich, um im Alter wieder in Richtung Fr\u00fchtyp zu wandern. Diese Verschiebung passiert bei jedem Menschen, aber je nach individueller Veranlagung (s. genetisch festgelegter Chronotyp) in unterschiedliche starkem Ma\u00dfe.<\/li>\n<li>Der Mensch kann erst einschlafen, wenn er m\u00fcde ist, also ein gewisser Schlafdruck aufgebaut ist. Das Einsetzen von M\u00fcdigkeit h\u00e4ngt mit dem Schlafhormon Melatonin zusammen. Die Bildung von Melatonin setzt gegen Abend ein und erreicht in der Nacht ihren H\u00f6hepunkt. Da die Melatoninbildung lichtabh\u00e4ngig ist, wird sie mit dem morgendlichen hellen Licht gestoppt, man wird munter.<\/li>\n<li>Die Verschiebung des Chronotyps f\u00fchrt dazu, dass Jugendliche sp\u00e4ter m\u00fcde werden und dementsprechend sp\u00e4ter ins Bett gehen. Untersuchungen haben ergeben, dass der Anteil der Abendtypen von Klassenstufe 5 bis Klassenstufe 9 von 8% auf 35% ansteigt und der Anteil der Morgentypen in der gleichen Zeit sinkt (von 32% auf 8%). (Vollmer 2015) Organisatorische Ma\u00dfnahmen wie fr\u00fcher ins Bett gehen helfen nicht, da die Bildung des Schlafhormons bis zu 2 Stunden sp\u00e4ter als beim Erwachsenen einsetzt und die Sch\u00fcler dementsprechend einfach nicht einschlafen k\u00f6nnen \u2013 sie k\u00f6nnen also nichts f\u00fcr ihr Schlafdefizit.<\/li>\n<li>Ein guter Schlaf ist die Grundlage daf\u00fcr, einerseits ausgeglichen und entspannt durch den Tag gehen zu k\u00f6nnen und sich andererseits konzentriert mit Neuem besch\u00e4ftigen zu k\u00f6nnen. Ausreichend langer und tiefer Nachtschlaf ist die Voraussetzung f\u00fcr die Verankerung und die Umwandlung von Ged\u00e4chtnisinhalten, so dass man zuk\u00fcnftig leichter lernen und das neu erworbene Wissen auch auf andere Bereiche \u00fcbertragen kann: aus implizitem Wissen wird explizites Wissen. Dieses Festigen von Lerninhalten w\u00e4hrend der Nachtruhe passiert bei Kindern offenbar sogar effektiver als bei Erwachsenen. Die Waldorfp\u00e4dagogik arbeitet sehr bewusst mit der Nacht und dem Schlaf. Die Unterrichtsinhalte sollen einmal \u201edurch die Nacht gehen\u201c, bevor am n\u00e4chsten Tag in neuer Weise damit umgegangen werden kann.<\/li>\n<li>Das Schlafbed\u00fcrfnis von Kindern liegt bei 9-10 Stunden, das von Jugendlichen bei 8-9 Stunden. Alle Sch\u00fcler m\u00fcssen aufgrund der bisherigen fr\u00fchen Anfangszeit um 7.45 Uhr gleich fr\u00fch aufstehen, unabh\u00e4ngig davon, wann sie einschlafen konnten. Damit sinkt die Schlafdauer von Jugendlichen an Schultagen mit zunehmendem Alter immer mehr ab, da die Sch\u00fcler aufstehen m\u00fcssen, obwohl sie noch nicht ausgeschlafen haben. Jugendliche sammeln im Laufe der Schulwoche ein Schlafdefizit an. In der 9. Klasse kann dieser sog. soziale Jetlag mehr als 4 Stunde betragen. (Vollmer 2012) Lehrer aus der Oberstufe berichte von m\u00fcden Sch\u00fclern w\u00e4hrend des Hauptunterrichtes, die zum Teil sogar einschlafen. Sch\u00fcler, die erst in der zweiten H\u00e4lfte des Hauptunterrichtes wach werden, werden aber auch schon in der ersten Klasse beobachtet.<\/li>\n<li>Ein Leben gegen den eigenen Rhythmus und langfristig mangelnder Schlaf k\u00f6nnen zu erheblichen Gesundheitsproblemen f\u00fchren, die auch langfristige Erkrankungen einschlie\u00dfen. M\u00f6gliche Folgen: Nachlassen von Reaktionsverm\u00f6gen und Ged\u00e4chtnisleistung, geringere Stresstoleranz und erh\u00f6hte Reizbarkeit, Depressionen, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erh\u00f6htes Diabetes-Risiko.<\/li>\n<li>Die maximale Aufmerksamkeitsspanne ist je nach Alter unterschiedlich lang. Bei j\u00fcngeren Sch\u00fclern betr\u00e4gt sie ca. 20 Minuten, ab 12-14 etwa 30 Minuten. Bei Jugendlichen und Erwachsenen l\u00e4sst sich ein Aufmerksamkeits-Zyklus von ca. 120 Minuten feststellen, der als Basis-Ruhe-Aktivit\u00e4ts-Zyklus (BRAC) bezeichnet wird. Die Beobachtungen zeigen, dass nach einer Arbeitsphase von maximal 90 Minuten eine l\u00e4ngere Pause von 30 Minuten notwendig ist. Eine Unterrichtseinheit sollte daher maximal 90 Minuten betragen, was derzeit in etwa einer Doppelstunde entspricht, oder in zwei Einheiten \u00e1 45 Minuten aufgeteilt werden. Danach sollte eine l\u00e4ngere Pause folgen (mindestens 15 Minuten).<\/li>\n<li>Ein entscheidendes Prinzip des Waldorflehrplans liegt in der Abstimmung der Unterrichtsinhalte und Unterrichtsformen auf die Prozesse kindlichen Lernens und die Stufen menschlicher Entfaltung in Kindheit und Jugend. Der Unterricht ist von Schulbeginn an auf das Ziel innerer menschlicher Freiheit hinorientiert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>(Quelle: website Bund der Freien Waldorfschulen).<\/p>\n<ul>\n<li>Die Waldorfp\u00e4dagogik geht in ihrer Erziehungsmethode von einem Menschenbild aus, das jeden Menschen als eine sich selbst bestimmende geistige Pers\u00f6nlichkeit betrachtet. Auf dieses geistige Freiheitswesen (K\u00fcnstler- oder auch Liebewesen) hat der Lehrer bzw. der Erzieher keinen direkten Einfluss. Er kann nur die Entwicklungsbedingungen entsprechend f\u00f6rderlich oder auch hemmend der sich aus sich selbst entwickelnden Pers\u00f6nlichkeit anbieten<\/li>\n<\/ul>\n<p>(Quelle: Leitbild der Freien Waldorfschule Karlsruhe).<\/p>\n<ul>\n<li>Zu diesen Entwicklungsbedingungen geh\u00f6rt auch, dass Sch\u00fcler jeden Alters im Einklang mit seinem Chronotyp leben und lernen k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Die Leistungsf\u00e4higkeit von Morgentypen ist schon am fr\u00fchen Vormittag gegeben, w\u00e4hrend Leistungsf\u00e4higkeit im Tagesverlauf ansteigt. Viele Studien (auch aus Deutschland) haben gezeigt, dass Abendtypen durch die in Deutschland \u00fcblichen fr\u00fchen Anfangszeiten der Schule benachteiligt werden, was sich auch deutlich auf die schulischen Leistungen auswirkt.<\/li>\n<li>Wissenschaftler empfehlen, dass bestimmt F\u00e4cher, in denen Sprachbewusstheit und r\u00e4umliches Vorstellungsverm\u00f6gen im Vordergrund stehen, sp\u00e4ter am Vormittag unterrichtet werden sollten. Das gilt vor allem f\u00fcr Mathematik und Naturwissenschaften.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der Freien Waldorfschule Karlsruhe beginnt der Unterricht seit Jahren um 7.45 Uhr. Man hat sich daran gew\u00f6hnt, sich darauf eingerichtet \u2013 vielleicht auch damit abgefunden. Wesentliche Gesichtspunkte, die uns leiten: Die folgende Aufz\u00e4hlung basiert auf der Auswertung von vielen Unterlagen und Untersuchungen, die wissenschaftlich anerkannt sind. 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